“Zeit und Liebe”-billige Werbung oder echtes Engagement?

7. Nov. 2017 | Alle | 0 Kommentare

Gestern bin ich an einer Bäckerei vorbei gegangen. Auf dem Fenster klebte das Bild einer jungen Frau, die dem Betrachter frisches Backwerk auf einem Tablett entgegenhält. Natürlich lächelte sie. Über dem Foto stand: “Wir backen mit Liebe und Zeit”.

Zeit und Liebe – was für ein Versprechen!

Wow! Was für ein Versprechen. Liebe und Zeit. Das sind so teure und scheinbar unrentable Zutaten, dass kaum eine Firma in sie investiert. Liebe und Zeit, das heisst, dass ich mich kümmern muss. Und zwar nicht nur um meinen Profit und den meiner Anleger.

Welche Firma leistet sich heute Liebe und Zeit?

Ich habe vor Kurzem mit einem Globalplayer auf dem Foodmarkt zu tun gehabt. Wir alle essen die Schokolade oder den Käse dieses Konzerns und seit Jahren scheint sich am Geschmack der Produkte nichts verändert zu haben. Aber es gibt ein Entwicklungsteam, das an den alten Rezepten weiter arbeitet. Nicht an der Verbesserung des Geschmacks oder der Qualität. Es geht allein darum, das altbekannte billiger produzieren zu können. Zutaten auszutauschen: Maisstärke statt Milch im Käse, Glukosesirup statt Zucker, irgendwas statt Kakao. Das spart irre viel Geld!
Die Mitarbeiter verdienen sicher nicht schlecht und trotzdem sind viele frustriert: da der Konzern international arbeitet, ist er schnell, beweglich und in allen Ländern zu finden, in denen billig gearbeitet werden kann. München ist ein teurer Standort, deswegen haben sie ganz kurz, schmerzlos und effektiv die Produktionsstätten ins Ausland verlegt: nach Polen oder nach Mexiko. Natürlich ist jeder Mitarbeiter eingeladen, mitzuziehen. Für die Hälfte des alten Gehaltes oder weniger, und wer nicht mitmöchte, bekommt mit dem neuen Angebot gleich den Auflösevertrag auf den Tisch.

Wer Gefühle outsourced, der hat bald keine mehr

Jede freundliche Geste wird wegrationalisiert, jeden Blick auf den Einzelnen erspart man sich.
Irgendwann merkt vielleicht die Leitung, dass ein Team oder eine ganze Belegschaft frustriert ist und deswegen nicht mehr so effizient arbeitet. Und dann, wenn sie ein bisschen nachdenken, holen Sie einen Coach, der Zusammenheitsgefühl kreieren soll. Die Liebe wird outgesourced, weil im Tagesgeschäft keine Zeit ist für solche Kindereien. Oft massiert der Coach in den unteren Schichten, renkt ein bisschen was ein, sieht das Drama und könnte ein Rezept verschreiben. Allerdings glaubt der “Kopf” in der Führungsetage oft nicht, dass er zu dem Spiel maßgeblich beitragen müsste. Dass er sich auch bewegen und massieren lassen sollte. Weil er selbst die Schritte nicht gehen will, lässt er sich von einem Coach vertreten.

„Kannst du mal meinen Mann knutschen? Ich hab heute keine Zeit!“

Das ist so, als würde ein Ehepartner, der seine Zeit als zu wichtig erachtet, um sie mit seinem “Most important Person” zu verbringen, einen Coach engagieren, der sich um das Seelenleben seines Angetrauten kümmern soll. Vielleicht wird sich der Vernachlässigte irgendwann erholen und zufriedener sein dank der Aufmerksamkeit – aber es ist sehr wahrscheinlich, dass der ach so Beschäftigte eines Tages nach Hause kommt und in seinem Bett den Coach findet, der mit der Rettung der Ehe beauftragt war.
Ob die Bäckerei, an der ich vorbeigelaufen bin, nun wirklich Liebe und Zeit investiert, weiss ich nicht. Worte sind billig.
Aber Liebe muss man selber machen. Alles andere ist Pornografie.
 

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