Applaus!!

16. Apr. 2016 | Alle | 0 Kommentare

Es ist jetzt wirklich schon eine Weile her, aber ab und zu muss ich an den Abend denken: Am 30.1. stand ich im Volkstheater für eine ganz besondere Revue auf der Bühne: eine Inklusions Show! 

Viele Gruppen mit „Menschen mit Behinderung“ traten auf. Das allein war eine große Sache für mich. Auch, wenn ich wahrscheinlich generell mehr mit „Menschen mit Behinderungen“ (so sagt man das) zu tun habe, als viele andere, muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich an diesem 30. Januar zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Rollstuhlfahrer geflirtet habe und zwar so, dass ich rote Ohren bekommen habe. Ich habe eine wunderschöne (wirklich: wunderschön!!!) Sängerin kennen gelernt, die mit dem Elektrorolli auf die Bühne kam, zusammen mit ihrer blinden Mutter, einer extra-coolen Person. Und überhaupt ist mein Horizont aufgesprungen, als hätte er ein Schnappschloß. Ein Rausch von Menschen und ein Vorurteilskiller. 

Das war alles schon großartig und wunderbar. Aber dann kam nach einer wilden Gesangsnummer eine ganz spezielle Tänzerin mit Downsyndrom aus Berlin auf die Bühne. Den Namen habe ich leider vergessen, ich muss ihn erfragen und nachreichen.

Sie hatte schon bei der Band im Hintergrund getanzt und sollte nun ihre eigene Solo Tanznummer bekommen. Ich stand hinter der Bühne, wartete auf meine eigene Nummer und schaute natürlich zu. 

Als alle anderen von der Bühne gegangen waren, begann die Musik, eine wilde Trommelmusik. Toller Sound, große Bühne und was macht unsere Tänzerin? Sie wirft die Arme in die Luft und beugt sich dann vor und lässt sie nach unten schwingen, wirft die Arme in die Luft und lässt sie nach unten schwingen, wirft die Arme in die Luft… Das zwar alles relativ rhythmisch, trotzdem fragte ich mich nach gefühlten 30 Minuten: ist das jetzt nicht bitte gleich mal zu Ende? Ich lehnte mich an die Wand in der Gasse und dachte just in der Sekunde: es gibt bestimmt irgendwen im Publikum, der diese Nummer am besten findet. Es gibt immer komische Leute, Leute, die ich nicht verstehe und die einen Zugang zu mir gänzlich – sagen wir – unerschlossen bleibenden Nummern und Stücken haben. 

Und grade als ich so darüber nachdenke, wer das wohl sein könnte und wie viele Leute das sein müßten und dass ich jetzt gern im Publikum kleine Lichter brennen sehen würde auf den Köpfen derjenigen, die hier gerade ein Kunsterlebnis haben, hört die Musik auf. Der Bühnenausschnitt, den ich von meinem Platz aus sehen kann, ist klein. Nur den mittleren Teil, in dem sie getanzt hat, konnte ich einsehen. Jetzt geht sie an die Rampe, um sich zu verbeugen. In Gedanken bin ich schon bei meiner Szene. Nur noch kurz, dann geht es auf die Bühne. 

Und dann passiert etwas, mit dem ich niemals gerechnet hätte: Applaus. Nicht nur ein bisschen, ein bisschen ist ja klar, da tanzt ein Mädchen mit Downsyndrom, klar klatschen die Leute. Aber nein, der Applaus wird wilder und wilder, Begeisterungspfiffe und Gejohle, wie ich es an diesem ganzen wirklich sehr gelungenen Abend noch nicht gehört habe. Ich wundere mich. Das kann nicht sein! Auf leisen Sohlen laufe ich zur Inspizientin, der Frau, bei der alle Fäden hinter der Bühne zusammen laufen und die einen Monitor am Platz hat, der immer zeigt, was „on stage“ gerade passiert. Und da steht die kleine Tänzerin mit ausgebreiteten Armen, den Kopf in den Nacken gelegt und trinkt ihren Applaus wie die Callas. Minutenlang lässt sie sich feiern, findet nichts dabei, findet den Applaus verdient und genießt, liebt ihr Publikum aus vollem Herzen und lässt sich genauso zügellos zurück lieben. Später erzählte mir jemand, dass sie sofort nach der kleinen Tanzeinlage auf die Knie gegangen wäre und voller Inbrunst Handküsse ins Publikum geworfen hätte. Damit muss sie die Leute angeheitzt und überfallen haben, mit ihrer zweifellosen Selbstannahme und der schieren Lust vor den Leuten zu stehen. Eine wirklich große Lektion in Begeisterung und Selbstakzeptanz. Ich bin gerührt, berührt, wie das gesamte Publikum. Kein sich-von-der-Bühne stehlen, kein Understatement. Nur echte Freude daran, aufzutreten, nicht elegant und zurückhaltend: die ganze Bäckerei! Und alle lieben sie dafür! 

Ich, ich, ich UND du, du, du! Das ist das Kunststück. Ich mach es nach!

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